Leipzig
16. Oktober 1813 - Die Völkerschlacht
Die Vorgeschichte der gigantischen Konfrontation reichte bis in das Frühjahr 1813 zurück. Nach der Katastrophe der Grande Armée in den Weiten Russlands hatte Napoleon Bonaparte im Eiltempo eine neue Armee aus dem Boden gestampft, bestehend aus blutjungen Rekraten, den sogenannten Marie-Louises, und verbliebenen Veteranen. Trotz verheerender Verluste an erfahrenen Kavalleriepferden konnte der französische Kaiser im Frühjahrsfeldzug bei Großgörschen und Bautzen Siege erringen. Doch der darauffolgende Waffenstillstand von Pläswitz erwies sich als napoleonischer Fehlschluss. Während der Kaiser vergeblich versuchte, seine Kavallerie neu aufzubauen, schlossen sich Österreich unter Fürst Metternich sowie Schweden unter dem ehemaligen französischen Marschall Jean-Baptiste Bernadotte der Koalition aus Preußen und Russland an. Die Alliierten entwickelten im Trachenberg-Plan eine clevere Strategie: Direktem Kontakt mit Napoleon persönlich sollte ausgewichen werden, während seine isolierten Marschälle systematisch zermürbt wurden. Die Niederlagen Oudinots bei Großbeeren, Macdonalds an der Katzbach und Vandammes bei Kulm schwächten Napoleons Streitkräfte kontinuierlich, bis er sich Mitte Oktober gezwungen sah, seine Verbände bei Leipzig zu konzentrieren, wo wichtige Nachschublinien aus dem Westen zusammenliefen.
Am Morgen des 16. Oktober 1813 eröffnete der Kanonendonner von rund tausend Geschützen die Kämpfe im Südsektor bei Markkleeberg, Wachau und Liebertwolkwitz. Die Hauptarmee der Verbündeten unter dem Befehl des österreichischen Feldmarschalls Fürst zu Schwarzenberg rückte in mehreren Kolonnen vor. Bei Markkleeberg stießen preußische Truppen unter Kleist auf das französische Korps von Poniatowski. In den verwinkelten Straßenzügen und Parkanlagen des Rittergutes entbrannte ein erbitterter Bajonettschlacht, bei dem das Dorf mehrmals den Besitzer wechselte. Gleichzeitig stürmten russische Regimenter unter Eugen von Württemberg die Höhen von Wachau. Das französische Abwehrfeuer aus massierten Batterieaufstellungen mähte die feindlichen Reihen nieder, während die französische Infanterie in dichten Kolonnen zum Gegenstoß ansetzte. Gegen zwei Uhr nachmittags erblickte Napoleon die Chance zu einem entscheidenden Schlag: Er befahl Joachim Murat eine gigantische Kavallerieattacke mit zehntausend Reitern gegen das Zentrum der Verbündeten. Die Kürassiere und Dragoner durchbrachen die feindlichen Linien, überrannten russische Infanteriequadrate und drangen bis dicht an den Galgenberg vor, auf dem Zar Alexander I., König Friedrich Wilhelm III. und Kaiser Franz I. den Schlachtverlauf verfolgten. Im letzten kritischen Moment warf sich die russische Guarde-Kavallerie unter Barclay de Tolly den Angreifern entgegen und schloss die Lücke.
Während im Süden die Entscheidung wogte, entbrannte im Norden bei Möckern eine von Napoleon unvorhergesehene, extrem blutige Schlacht. Die schlesische Armee unter dem ungestümen preußischen General Gebhard Leberecht von Blücher drängte unaufhaltsam vorwärts. Bei Möckern trafen preußische Truppen des I. Korps unter General Ludwig Yorck von Wartenburg auf die fest verschanzten Stellungen des französischen Marschalls Marmont. Möckern verwandelte sich binnen weniger Stunden in ein Trümmerfeld. Preußische Bataillone stürmten wiederholt gegen die massiven Mauern des Schlosses und des Friedhofs an, während das französische Kreuzfeuer furchtbare Lücken riss. Am späten Nachmittag erzwang die preußische Kavallerie unter Oberstbrigadier Hunerbein mit dem berühmten Husarenstreich den Durchbruch durch die französische Flanke. Marmonts Einheiten mussten sich unter schweren Verlusten über die Parthe zurückziehen. Damit war Napoleons Plan, Blücher im Norden zu ignorieren und Schwarzenberg im Süden vernichtend zu schlagen, endgültig gescheitert.
Der 17. Oktober verlagerte das Geschehen auf eine stumme, aber nicht minder bedrohliche Ebene. Dichter Herbstnebel und ein ununterbrochener, feiner Nieselregen hüllten die Schlachtfelder ein. Napoleon blieb in seinem Hauptquartier bei Reudnitz isoliert und unschlüssig. Er versuchte vergebens, über den gefangenen österreichischen General Graf Merveldt Friedensfühler zu strecken; die verbündeten Monarchen antworteten nicht einmal auf das Angebot. Unterdessen arbeitete die Logistik der Koalition mit unerbittlicher Präzision. Im Laufe des Tages trafen die russische Reservearmee unter General Bennigsen mit weiteren sechzigtausend Mann sowie die schwedische Nordarmee Bernadottes ein. Die Ränge der Verbündeten wuchsen auf über dreihunderttausend Mann an, während Napoleon seine erschöpften, an Munition knapp werdenden Verbände enger um die Vorstädte von Leipzig zusammenziehen musste. Seine Truppenstärke belief sich nur noch auf knapp einhundertfünfzigtausend einsatzfähige Soldaten.
Am frühen Morgen des 18. Oktober wogte der Kampf entlang eines geschlossenen Halbkreises um Leipzig auf. Der Schwerpunkt verlagerte sich im Südosten auf das Schlüssel dorf Probstheida. Napoleon hatte sich dort auf einem Mühlenhügel postiert, um das Gefecht persönlich zu leiten. Die Verbündeten führten gewaltige Kolonnen gegen das Dorf ins Feld. Die preußische und russische Infanterie stürmte stundenlang gegen die mit Schießscharten versehenen Hofmauern und Barrikaden an. Das französische Korps Victor sowie die Truppen von Lauriston hielten das Dorf mit eiserner Disziplin, unterstützt von der Kaiserlichen Garde. Das Artilleriefeuer war so intensiv, dass der Boden erbeutete und Probstheida zu einem unbewohnbaren Flammenmeer wurde. Trotz immenser Verluste gaben die Franzosen diesen Ankerpunkt ihrer Front bis zum Abend nicht auf.
Zur selben Zeit vollzog sich im Nordosten bei Paunsdorf und Schönefeld eine dramatische Wendung von enormer Tragweite. Bei Paunsdorf drängten die Truppen Bennigsens und Bernadottes vorwärts. Mitten im dichtesten Gefechtslärm wendeten sich plötzlich die sächsischen Regimenter unter General von Zeschau sowie württembergische Kavallerieverbände von ihren französischen Kommandanten ab. Sie marschierten mit fliegenden Fahnen zu den Verbündeten über und wendeten ihre Geschütze unverzüglich gegen die französischen Linien. Dieser Verrat riss eine breite Bresche in die Front des Marschalls Ney. Bei Schönefeld kämpften das französische Korps Souham und die Truppen Marmonts im blutigen Häuserkampf um jede Straße und den Kirchhof. Schönefeld wechselte an diesem Tag siebenmal den Besitzer und hinterließ Tausende Gefallene in den brennenden Ruinen. Gegen Abend erkannte Napoleon die Ausweglosigkeit seiner Lage: Die Fronten drohten zu kollabieren, die Artilleriemunition war nahezu aufgebraucht. In der Nacht zum 19. Oktober gab er zähneknirschend den Befehl zum Rückzug über die einzige verbliebene Ausfallstraße nach Westen durch das Naundörfchen und über die Elsterbrücke in Richtung Lindenau.
Der 19. Oktober brachte das grauenvolle Finale der Völkerschlacht. Der Rückzug der französischen Armee verwandelte sich rasch in ein Chaos. Tausende Planwagen, Geschütze, Verwundete und Infanteristen drängten sich durch die engen Gassen der Leipziger Altstadt auf die schmale Holzbrücke über die Elster zu. Die französischen Marschälle Macdonald und Poniatowski erhielten den Befehl, mit der Nachhut die Stadttore so lange wie möglich gegen die nachrückenden Verbündeten zu halten. Preußische Truppen unter Bülow erstürmten das Grimmaische Tor, während russische Verbände durch das Hallesche Tor brachen. Straßenkämpfe entbrannten am Ranstädter Steinweg und um die Fechtboden-Bastei.
Gegen ein Uhr mittags ereignete sich die Katastrophe an der Elsterbrücke. Ein französischer Korporal der Pioniere, der den Befehl hatte, die Brücke bei Annäherung des Feindes zu sprengen, geriet beim Anblick vorstürzender preußischer Schützen in Panik. Er zündete die Sprengladung viel zu früh, während sich noch über zwanzigtausend französische Soldaten, Hunderte Fahrzeuge und die gesamte Nachhut auf der östlichen Flussseite befanden. Die Rückzugslinie war mit einem Schlag abgeschnitten. Panik brach unter den Eingeschlossenen aus. Tausende warfen sich in die reißenden, von Trümmern und Schlamm gefüllten Fluten der Elster und der Pleiße. Viele ertranken unter der Last ihrer Ausrüstung, darunter auch der polnische Nationalheld Fürst Józef Antoni Poniatowski, den Napoleon erst drei Tage zuvor zum Marschall von Frankreich ernannt hatte. Macdonald gelang es knapp, schwimmend das andere Ufer zu erreichen. Tausende französische Soldaten gerieten in der Stadt in Gefangenschaft.
Am Nachmittag des 19. Oktober hielten der Zar von Russland, der König von Preußen und der Kaiser von Österreich unter dem Jubel der Bevölkerung ihren Einzug auf dem Leipziger Markt. Der Preis dieses Sieges war jedoch beispiellos. Über einhunderttausend Tote und Verwundete bedeckten die Felder rund um die Stadt. Leipzig selbst versank im Chaos: Die Kirchen, öffentlichen Gebäude und privaten Wohnhäuser waren mit Zehntausenden Verletzten überfüllt, Epidemien wie der Typhus brachen aus und das Umland war auf Jahre hinaus völlig verwüstet. Mitten auf dem ehemaligen Schlachtfeld erinnert heute das gigantische Völkerschlachtdenkmal an diese gewaltige Katastrophe, die das napoleonische Machtsystem in Deutschland endgültig zertrümmerte und den Weg für den Untergang des Kaiserreichs ebnete.






